Wenn alles wegbricht, kannst du entscheiden: zerbrechen oder neu aufbauen.
Anfang 2015.
Es war ein halbes Jahr vergangen, seit ich nach Deutschland gekommen war. Ein „Freund“ hatte mir beim Start geholfen. Er kümmerte sich um eine Wohnung und einen Job. Sehr nett von ihm, dachte ich. Er sprach perfekt Deutsch und regelte die ganze Zeit alles mit einem Deutschen. Alles sah bestens aus.
An einem schönen Tag kam „der Freund“ zu Besuch. Etwas in seinem Verhalten machte mich nachdenklich. Es dauerte nicht lange und er spuckte es aus: Sein deutscher Kumpel gab ihm die versprochenen 100 € im Monat nicht — ob ich ihm das Geld von meinem Gehalt geben würde?
Nachdem ich sein Angebot abgelehnt hatte, folgten zwei Monate Stille.
Die Zeit lief weiter. Ich kämpfte mich mit Händen und Füßen durch die Sprache und den Job. Ich fing sogar an, ein wenig zu verstehen. Doch nach und nach wurde die Welt um mich herum immer leiser. In meinem rechten Ohr verbreiteten sich Geräusche, die niemand freiwillig hören möchte. Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit wurden meine ständigen Begleiter. Ich hatte gerade angefangen, hier und da ein bisschen zu verstehen und jetzt hörte ich nur noch halbwegs.
Die Diagnose: Otosklerose. Ich musste operiert werden.
Und damit es noch interessanter wurde, stand ich plötzlich ohne Wohnung da. „Der Freund“ meldete sich am Tag meiner Operation und teilte mir mit, dass ich noch fünf Tage Zeit hätte, meine Sachen aus der Wohnung zu holen. Frisch operiert durfte ich zwei Tage lang nicht einmal aufstehen, nur liegen und fünf Tage musste ich im Krankenhaus bleiben.
An genau diesem Tag erlebte ich ein Wunder. Es war so unerwartet, dass ich bis heute Tränen in den Augen spüre, wenn ich mich daran erinnere.
Ich bekam Besuch im Krankenhaus von einer Krankenschwester, die ich vor zwei Monaten zufällig kennengelernt hatte. Es fiel mir extrem schwer, meine Emotionen für mich zu behalten, und ich brach weinend zusammen. Ich erzählte ihr verzweifelt, was passiert war, und bat sie, mir bei der Suche nach einer Pension zu helfen.
Nach einigen Stunden rief sie mich an, um mir zu sagen, dass ich für einen Monat bei ihr und ihrem Mann wohnen durfte.
Dieser Monat hat mir etwas geschenkt, das kein Training der Welt mir je hätte lehren können: Die Möglichkeit, in mich zu gehen. Gesund zu werden.
Ich wiederholte mir immer wieder denselben Satz: Ich finde immer eine Lösung und es wird weitergehen. Egal wie es gerade aussieht und sich anfühlt, das bleibt nicht für immer so.
Ich war mir innerlich sicher, dass ich mich immer zurechtfinden würde. Egal was passiert. Und obwohl mich jemand schwer enttäuscht hatte, lernte ich in diesem Monat langsam wieder, Vertrauen in Menschen zu haben. Nicht alle sind gleich. Zu der Familie, die mich damals aufnahm, habe ich bis heute engen Kontakt. Echte Verbundenheit.
Es gibt ein japanisches Handwerk, das genau das beschreibt: Kintsugi. Zerbrochene Keramik wird nicht weggeworfen, sie wird mit Gold repariert. Die Brüche werden nicht versteckt; sie werden sichtbar gemacht, hervorgehoben, veredelt. Die Philosophie dahinter: Ein zerbrochenes Stück ist nicht wertlos, seine Brüche macht es einzigartig.
Deine Narben sind nicht das Gegenteil von Stärke. Sie sind der Beweis dafür.
Resilienz bedeutet nicht, niemals zu fallen. Sie bedeutet zu wissen: Das bleibt nicht für immer so. Und weiterzugehen, auch wenn du noch nicht siehst, wohin.
Jetzt bin ich neugierig auf dich:
Wo ist gerade dein Riss?
Nimm dir heute fünf Minuten Zeit und schreib zwei Sätze auf:
Der Riss: Was ist passiert?
Das Gold: Was hat es dir gezeigt?
Das ist kein Trick und keine Übung aus einem billigen Motivationsbuch. Es ist der erste Schritt, um aufzuhören, den Riss zu verstecken.
Schreib mir auf Instagram: @plamena.hempel
Wenn du tiefer gehen möchtest: In Kapitel 2 des Workbooks „Du bist 100 %“ findest du das vollständige Kintsugi-Prinzip inklusive Resilienz-Radar, Kontrollfilter und der 7-Tage-Goldtagebuch-Challenge.
