Wer bin ich, wenn ich nicht kämpfe?

2016.

Ich zog von Dessau-Roßlau nach Düsseldorf. Eine Freundin wohnte seit ein paar Monaten dort und ich entschied mich, in ihrer Nähe zu ziehen. Es war eine spannende Zeit. Eine Wohnung aus dieser Entfernung zu finden und dann auch noch einen Job. Es klappte. Ich fand eine Wohnung und einen Monat später einen Job. Mein Traumjob war es überhaupt nicht. Bei der Einstellung in der Zeitarbeitsfirma wurde ich gefragt, ob ich sicher bin, dass ich den Job haben möchte, da ich einen BA-Abschluss in Marketing hatte. Ob ich wirklich in einer Kantine arbeiten will. Nein, natürlich wollte ich nicht. Aber ich musste meine Miete bezahlen und etwas essen. Ich kämpfte wieder mit dem Leben, dachte ich. Schließlich war ich eine Kämpferin.

Wenige Wochen später fand ich ein Muay Thai Studio und fing wieder an. Ich ging vier- bis fünfmal in der Woche trainieren und bald übernahm ich auch einige Trainings. Neue Bekanntschaften entwickelten sich und ich war völlig in meinem Element. In wenigen Monaten erreichte ich wieder meine Spitzenform. Der Job war anstrengend, körperlich und psychisch ernüchternd. Das Training dagegen war mein Leben, mein Paradies. Es war mir egal, wie müde und erschöpft ich nach der Arbeit war. Beim Training habe ich mich mit Energie aufgeladen.

Ich bereitete mich wieder auf den Kampf vor und wartete sehnsüchtig auf ein Datum. Ich bekam eine Einladung für das Casting bei Ninja Warrior und war dann nur noch am Trainieren. Es existierte nichts mehr in meiner Welt außer Training und Kampf. Da fühlte ich mich zu Hause. Ende November ging ich wie immer mit einer Freundin am Samstag zum Training. Ich wusste nicht, dass genau dieser Samstag mein ganzes Leben brutal und ohne Mitleid zerschmettern würde.

Das Training war super, so wie immer. Am Ende unterhielten wir uns darüber, wo wir essen gehen wollten. Eine Sekunde später fiel ich zu Boden und etwas in meinem Knie machte „Knack“. Ich wusste nicht, was los war. Aufstehen ging irgendwie nicht. Ein Kumpel stand neben mir und lachte schelmisch. Ich schaute auf und sagte, dass ich seinen Scherz gar nicht lustig fand und etwas mit meinem Bein nicht stimmte. Er sagte, er hatte mir eine „Schere“ von hinten gemacht. Er wollte mir nicht wehtun. Meine Freundin half mir auf die Beine, aber laufen konnte ich kaum. Sie fuhr mich mit ihrem Auto nach Hause.

Am nächsten Tag. Sonntagvormittag rief mich ein Freund an, um zusammen in die Kletterhalle zu gehen. Mein Knie war angeschwollen, laufen konnte ich nicht viel. Ich erzählte ihm, was los war, und er fuhr mich ins Krankenhaus. Es ging los: Orthopäde, Krankschreibung, MRT. Vorderer Kreuzbandriss. Das war ein echt fieser Scherz. Ich musste operiert werden und monatelang mit Krücken gehen. Kein Ninja Warrior, kein Kämpfen. Ja doch. Kämpfen bis zum dritten Stock mit den Krücken. Das war gerade nicht der Plan, den ich mir gemacht hatte. Erst zweieinhalb Monate später, Anfang 2017, wurde ich operiert.

Diese Zeit verbrachte ich damit, gegen das Akzeptieren dieser verdammten Situation zu kämpfen. Es gab Tage, an denen ich mich mit einer lustigen Zigarette berauschte und ein wenig lachte. An anderen Tagen kochte ich vor Ärger über den Kumpel, der das getan hatte. Dann verfiel ich in Selbstmitleid. Oder das komplette Gegenteil: Klimmzüge. Das einzige, was gerade ging. Ich tat alles außer es akzeptieren. So einen inneren Krieg der Gefühle erlebte ich zum ersten Mal. Und genau wie eine Kriegerin kämpfte ich einfach weiter, obwohl ich wusste, dass der Kampf verloren war. Man hat es mir angetan. Es war nicht meine Schuld. Meine Träume, mein Leben und alles, was mir wichtig war, wurden gleich gelöscht, wie per Knopfdruck.

Während meiner Zeit der Agonie und des tiefen Selbstmitleids entdeckte ich das Malen und die Bücher wieder. Sport ging eben nicht mehr. Das Buch von Eckhart Tolle „Das Leben im Jetzt“ gab meinen Gedanken wieder eine Richtung. Nicht sofort und gar nicht schnell. Ganz langsam und schmerzhaft fing ich an, Bruchteile des Ganzen zu akzeptieren. Zu verstehen, dass ich nicht das war, was ich erreicht hatte. Nicht meine Titel, nicht meine körperlichen Fähigkeiten und Leistungen. Das war die längste und schmerzerfüllte geistige Reise, die ich je gemacht hatte. Eine Identität vom Grund auf ausziehen und komplett neu aufbauen. Die fremde Sprache und das neue Land kamen als Bonus dazu. Ich verlor die Arbeit aufgrund meiner langen Krankheitsabwesenheit. Ich gewann einen Mann und eine beste Freundin dazu.

Ich stellte mir die wichtigste Frage meines Lebens: Wer bin ich, wenn ich nicht kämpfe?

Die Antwort habe ich mir nicht sofort gegeben, nach und nach.

Es hat sich gelohnt.

Hast du dir diese Frage schon mal gestellt und sie beantwortet? Wer bist du, wenn alle deine Titel wegfallen würden, wenn du keine Mutter, Tochter, Anwalt, Lehrer, usw. bist? Was bleibt dann übrig?

Im dritten Kapitel meines Workbooks geht es genau darum. Wenn du tiefer gehen möchtest, schau hinein.

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