dein abschnittstext(4)

Vom Ring zum Abwaschbecken.

Was ich über Würde gelernt habe.

2014.

Vor drei Jahren wurde ich Weltmeisterin in Muay Thai. Vor einem Jahr wurde ich Europameisterin. Und jetzt stand ich am Abwaschbecken in der Küche eines Restaurants in Dessau-Roßlau.

Ich verstand kein Wort, die Spüle füllte sich schnell mit schmutzigen Pfannen und der Koch rief nur „Andiamo“. Niemand kannte mich, keiner wusste, wer ich war. Es gab kein Siegertreppchen, keine Medaille und kein Applaus. Der Ring hat sich in einer Küche umgewandelt und die Gegner in Bergen verdreckter Teller und Besteck.

Ein kompletter Neuanfang, neues Land, neue Sprache, neue Menschen, neuer Kampf und eine alte Fähigkeit. Meine stärkste Waffe die mir in jeder Situation helfen kann. Disziplin – das effektivste überhaupt. Ja, ich fing an meine Würde von ganz unten neu aufzubauen, langsam und ganz leise. Disziplin ist niemals laut, sie ist unsichtbar, versteckt in Kleinigkeiten.

Jeden Tag ging ich dahin, schrubbte die Pfannen, spülte die Teller, ertrug das Geschrei, das ich nicht verstand. Es war nicht schön, überhaupt nicht. Einfach war es auch nicht. Ich wollte verstehen was die Menschen zu mir sagen, bemühte mich und verstand nur Bahnhof. Es war frustrierend und niederschmetternd. Ich war gekommen um zu bleiben. Ich wollte keineswegs zurückkehren, ich machte weiter. Es war ein Versprechen an mir selbst, niemals aufzugeben.

Meine Hände taten weh vom Schrubben, angereizt vom Spülmittel. Nach Feierabend trug ich ein bezauberndes Aroma – Eau de Pizza mit den geheimsten Noten von Knoblauch, Schweiß und Spülwasser. Absolut erfrischend. Ich sprach Deutsch wie eine Zweijährige, ihr wisst, was ich meine. Um schnell zu lernen, schrieb ich Wörter auf kleine Zettel und wiederholte sie auf dem Arbeitsweg. Langsam, aber sicher, Schritt für Schritt lief ich weiter. Niemand hat gesehen, niemand außer sie. Die Disziplin.

Im Training habe ich Disziplin gelernt, wie man sie nirgendwo anders lernen kann. Sie hat mich weitergebracht. Ich war zuversichtlich, hier wird sie mir auch helfen. Es war meine Entscheidung, meine Würde zurückzugewinnen. Sie braucht schließlich keinen Applaus und Disziplin schonmal gar keins. Der Weg dahin ist eine Entscheidung entfernt.

Jetzt bin ich neugierig auf dich.

Wo ist gerade dein Abwaschbecken?

Wo ist gerade dein Abwaschbecken? Schreib mir auf Instagram.
@plamena.hempel

Nicht als schöne Metapher gemeint, sondern als ehrliche Frage: Wo stehst du gerade, das sich nach einem Schritt zurück anfühlt? Der Job, der unter deinem Können liegt. Die Situation, die du nicht gewählt hast. Der Moment, in dem niemand sieht, wie viel du gerade trägst.

Schreib dir heute einen Satz auf, nur für dich: Was tue ich, wenn niemand zusieht?

Das ist dein Disziplin-Check. Nicht als Bewertung, sondern als ehrlicher Ausgangspunkt.

Wenn du tiefer gehen möchtest: In Kapitel 1 des Workbooks „Du bist 100 %“ findest du die vollständige Übung. Mit einem Disziplin-Check, der keine einfachen Antworten kennt.

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